Drei Spieler*innen in gelben, grünen und blauen Kostümen spielen eine Mobbing-Szene. Eine wird in den Schwitzkasten genommen. In ihrem Gesicht Panik.
Wolf, Raphael Moussa Hillebrand ©Dave Großmann

Durch den Wolf gedreht

Raphael Moussa Hillebrands Stück Wolf, basierend auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Saša Stanišić, wird in dieser Spielzeit am Theater an der Parkaue gezeigt – und zurecht mit Applaus gefeiert.

Wer erinnert sich nicht an jenes Kind, das auf dem Schulhof immer am Rand stand, im Sportunterricht als letztes in jedes Team gewählt wurde, jenes Kind, das keinen Tag erlebte, an dem nicht auf seine Kosten gelacht wurde, ja das beinahe froh sein musste, wenn es ignoriert wurde – und nicht geschubst oder gar getreten? Um dieses Kind geht es in Wolf. Sechs Performer*innen stehen dafür auf der Bühne und erzählen, in Worten und Bewegungen, gemeinsam die Geschichte von Jörg. Dabei ist nicht eine*r von ihnen Jörg. Sie alle sind Jörg. Sie wechseln sich ab. So wie man beim Staffellauf den Stab weiterreicht, reichen sie einen Rucksack – das schwere zu tragende Päckchen – unter sich weiter. Wer den Rucksack gerade aufhat, wird für die kommende Szene zu jenem Kind am Rand, an das wir uns alle erinnern, das wir vielleicht sogar selber waren.

Das ist schon einmal eine von mehreren extrem guten Entscheidungen, die Regisseur und Choreograf Raphael Moussa Hillebrand und sein Team für ihr Stück getroffen haben. Denn der ständige Rollenwechsel macht es schwer, sich allzu fest zu identifizieren – sei es mit dem, der gemobbt wird, mit der, die schweigend zur Seite sieht, oder mit jenen, die mit Muskeln oder fiesen Sprüchen nach unten treten. Wir sind alle anders im Sinne von einzigartig, aber wir können eben auch „andersig“ gemacht werden, gibt uns das Stück zu verstehen. Es kann uns alle treffen und es liegt nicht daran, dass in uns etwas falsch ist. Eine wichtige Botschaft, denn für die geschätzt 13 bis 14 Schulklassen, mit denen ich an einem verregneten Vormittag die Vorstellung im Theater an der Parkaue besuche, ist die Geschichte von Jörg und seinen Klassenkamerad*innen keine verdrängte Vergangenheit, sondern tagesaktuell. Als Performerin Theresa Henning vom Bühnenrand aus alle, die schon einmal weggeschaut oder aus Angst nichts gegen Mobbing gesagt haben, bittet zu schnipsen, wird es erst sehr laut und dann sehr still im Saal.

Eine Albtraumszene. In Nebel und lila Licht ein Stockbett und darin zwei ängstliche Kinder. Vor ihnen ein Wolf mit Riesenmaul und gelben Augen.

©Dave Großmann


Auch auf der Bühne, die sich rasch von einer Turnhalle in ein unheilversprechendes Waldferienlager verwandelt, geht es im Grunde hauptsächlich darum, wie Solidarität mit oder unter „andersig“ gemachten möglich ist, was gegen Ausgrenzung getan werden kann. Manchmal, so scheint das Stück zuzugeben, ist die Situation so aussichtslos, dass nur noch Superhelden helfen. In diesem Fall ein drei Meter hoher Koch, der mal wütend aus Blitz und Nebel auftaucht, um Jörgs Widersacher zu vertreiben, mal seine Schulter zum Trost anbietet. Überhaupt verwandelt sich das Ferienlager immer wieder in einen fantastischen Ort, der im Licht des Vollmonds von Hasen, Hirschen und einem furchterregenden Wolf heimgesucht wird, dessen gelbe Augen und riesiges Maul auch getrennt voneinander über die Bühne tanzen. Vielmehr als eine Flucht aus der Realität bietet diese magische Welt ein Ventil für Gefühle an, mit denen sonst kaum klarzukommen wäre, und ist auch eine Erinnerung an die Möglichkeit einer anderen Geschichte, in der keine*r mehr durch den Wolf gedreht wird.


Wolf von Raphael Moussa Hillebrand feierte am 26. Februar 2026 im Theater an der Parkaue Premiere und wird in dieser Spielzeit noch mehrfach gezeigt.