connect more dots!, TANZKOOP Niedersachsen / LAFT Niedersachsen ©Sophie Charlotte Reetz

Dokumentation der Netzwerkveranstaltung „connect more dots!“

Die Veranstaltung fand am 20.06.2025 statt und war zu Gast beim Festival Theaterformen, im Foyer des Ballhof Zwei in Hannover.

Dokumentiert von Heike Bröckerhof

Panelgäst:innen
Mónica García Vicente (Choreografin)
Alba Scharnhorst (Choreografin/Performerin)
Sara Angius (Choreografin/Performerin)
Tiago Manquinho (TANZKOOP, LaFT, Choreograf)
Dr. Elisabeth Nehring (Autorin, Tanzkritikerin, kulturpolitische Moderatorin)
Michael Freundt (Geschäftsführung Dachverband Tanz Deutschland)
Anna Mülter (Künstlerische Leitung Festival Theaterformen)

Teilnehmer:innenanzahl der Veranstaltung insgesamt: 30 Personen. Angemeldet waren im Vorfeld auch einige Akteur:innen aus Politik und Förderinstitutionen. Diese waren leider nicht zugegen.


Ablauf der Veranstaltung:
16:00 – 16:10: Begrüßung
16:10 – 16:25: Vorstellung des Tanznetz Niedersachsen
16:25 – 16:50: Vorstellung der Szene mit Beiträgen einzelner Künstler:innen
16:50 – 17:05: Pause
17:05 – 18:15: Panel
18:15 – 18:30: Fragen aus dem Publikum, Ende und Verabschiedung


Das Tanznetz Niedersachsen stellt sich vor – Ein Bündnis für die Freie Tanzszene

Martina von Bargen, Ko-Geschäftsführerin vom LaFT Niedersachsen, eröffnet die Veranstaltung und bittet weitere Akteur:innen des Tanznetz Niedersachsens auf die Bühne.

Tanznetz Niedersachsen ist aktuell ein Zusammenschluss aus drei Partner:innen: LaFT, TANZKOOP und Tanzpunkt Hannover. Seit August 2024 haben sie sich öffentlich als Bündnis positioniert für die Freie Tanzszene – zur Zusammenführung, Weiterentwicklung und somit zur Stärkung von Arbeitsstrukturen der Freien Tanzszene in ganz Niedersachsen. Synergien sowie die Vermeidung von Doppelstrukturen sind dabei wichtige Anliegen des Bündnis. Das Tanznetz ist offen für weitere Partner und Kooperationen.

„Denn wir sind fest davon überzeugt und arbeiten daran, dass wir nur solidarisch und kooperativ die Tanzszene stärken können.“

Das Tanznetz Niedersachsen ist gefördert durch die Konzeptionsförderung des MWK für die Jahre 2025-2027.

Die einzelnen Partner:innen stellen sich und ihr bereits bestehendes Angebot für die Freie Szene vor:

TANZKOOP, vertreten durch Tiago Manquinho:

TANZKOOP wurde gegründet nach einem Tanzpakt Reconnect Antrag mit der Hauptmotivation Proberäume und Strukturen für die Freie Tanzszene zu schaffen. TANZKOOP bietet einen Proberaum in Braunschweigs Innenstadt an, der kostenfrei von freischaffenden Tanzkünstler:innen gemietet werden kann. Der Raum wird mittlerweile von der Stadt Braunschweig getragen. Auf der Website gibt es ein Buchungstool. Dieses soll im Rahmen von Tanznetz für weitere Proberäume in Niedersachsen weiterentwickelt werden. Außerdem hat TANZKOOP in Zusammenarbeit mit dem LaFT das Gastspielnetzwerk SPOTTED entwickelt, das nun bereits im 2. Jahr durchgeführt wird. Netzwerkarbeit wie etwa durch die Veranstaltungen connecting the dots und connect more dots ist ein dritter Pfeiler der Künstler:innen für Künstler:innen-Initiative.
Ein Videotrailer mit Einblicken in die Arbeit von Künstler:innen aus Niedersachsen als Schaufenster für die Freie Szene. Der Videotrailer kann noch erweitert werden kann.

„Es ist ein lebendiges Netzwerk, das sich weiter entwickeln soll. Durch die Mitarbeit von weiteren Akteur:innen.“ (Tiago Manquinho)

„Es ist gut zu bündeln, damit die Akteur:innen wissen, wohin sie sich wenden können. Um das ganze klarer und transparenter zu machen.“ (Martina von Bargen)

Tanzpunkt Hannover, vertraten durch Heiner Schlote:

Tanzpunkt Hannover hat sich gegründet mit dem Anliegen, die Freie Tanzszene zu stärken durch Angebote wie Profitraining. Es ist mittlerweile ein Mitgliederverein mit über 20 Mitgliedern, darunter Tänzer:innen, Choreograf:innen, aber auch Dramaturg:innen. Fotograf:innen u.v.m.
Seit 2021 finden Community Events und Netzwerkarbeit statt, sind aber auch kulturpolitisch aktiv. Sie bieten Workshops mit nationalen und internationalen Dozent:innen. Dazu kommen Residenzen und eine Austauschplattform für die Freie Tanzszene: das Tanzcafé. Kooperationen gibt es mit der Oper Hannover, in diesem Jahr zum Beispiel auch mit den Kunstfestspielen. 2024 gab es eine Zusammenarbeit mit dem Kulturdreieck – eine Open Stage auf dem Opernplatz. Sie richten die Tanzmomente aus und verschiedene Angebote kostenloser Art. Außerdem im Vorstand sind Nina Melcher und Cara Rother.

LaFT, vertreten durch Martina von Bargen:

Der LaFT ist für Tanzschaffende zunächst einmal Beratungs- und Informationsstelle bezüglich der Förderlandschaft und des freiberuflichen Arbeitens. Viele Künstler:innen im Tanz kommen aus einem Angestelltenverhältnis. Deshalb ist für sie besonders relevant zu verstehen, wie das freie Arbeiten funktioniert. Dazu wurde u..a. auch eine Publikation zusammengestellt – die „Fibel für Freies Theater“. Sie ist auf der Website des LaFT auf deutsch, englisch und arabisch kostenfrei zum download verfügbar. Außerdem engagiert sich der LaFT kulturpolitisch für die Verbesserung von Arbeits- und Produktionsbedingungen sowie die Erhöhung der Projektmittel. Eine dritte Stelle (15h / Woche) für die Beratung von Tanzschaffenden wurde zuletzt bewilligt. Gemeinsam mit der Heinrich-Dammann-Stiftung organisiert der LaFT das Nachwuchs- und Mentoring-Programm OFFSPRING ARTISTS.

„Man muss keine Unke sein, um festzustellen, dass die Fördermittel nicht wachsen werden, sondern dass wir uns darauf konzentrieren müssen und sehr darauf achten müssen, die zur Verfügung stehenden Mittel effizient einzusetzen.“ (Martina von Bargen)

Die Szene stellt sich vor:

Ein kurzer Teaser mit Einblicken in die künstlerische Produktionen aus Niedersachsen wird
eingespielt.

Drei Künstler:innen präsentieren ihre Arbeit:

Sara Angius, Choreografin und Performerin arbeitet multidisziplinär an der Schnittstelle von zeitgenössischem Tanz und Figurentheater, Objektmanipulation.

Alba Scharnhorst spricht über ihre Zusammenarbeit mit Selina Glockner, neuerdings unter dem Label tilted collective. Sie arbeiten in künstlerischer Ko-Leitung und sind selbst auf der Bühne. Sie sind aktuell gefördert durch die Konzeptionsförderung durch das Niedersächsische MWK und arbeiten zum Thema Fürsorge und Care. Alba Scharnhorst leitet außerdem das internationale Figurentheaterfestival am Theater Fadenschein in Braunschweig.

„Ich bin auch Mutter und es ist mir in meiner Arbeit ein Anliegen einen Weg finden in der Freien Szene, von der Kunst zu leben und nicht trotz der Kunst zu leben.“ (Alba Scharnhorst)

Mónica García Vicente, ist Choreografin und leitet das Connection Dance Center, eine intensive Bildungsreihe, die jungen Amateur-Tänzer:innen (im Alter von 15 bis 28 Jahren) in Hannover die Möglichkeit bietet, in einer professionellen Umgebung zu arbeiten und Routinen & Alltag von Tanzschaffenden zu erleben. Vier von ihnen präsentieren live auf der kleinen Bühne im Foyer des Ballhof Zwei einen Ausschnitt aus ihrer aktuellen Performance. CDC findet bereits im vierten Jahr statt und wird im kommenden Jahr weitergeführt. Mónica merkt an, dass einige der Teilnehmer:innen tatsächlich auch durch die Erfahrung im CDC selbst eine Tanzausbildung beginnen oder in andere Berufe im Tanz gehen.

Pause


Panel zum Thema Weiterentwicklung der Tanzszene Niedersachsen
moderiert von Selina Glockner

In diesem Panel sind die Gesprächspartner:innen dazu eingeladen, gemeinsam auf die Tanzszene in Niedersachsen zu blicken und zu überlegen, welche Weiterentwicklungen gewünscht und welche Maßnahmen dafür relevant sind.

Auf der Bühne versammeln sich Mónica García Vicente, Alba Scharnhorst. Sara Angius, Tiago Manquinho, Dr. Elisabeth Nehring, Michael Freundt und Anna Mülter.

Worauf seid ihr am meisten stolz an kulturpolitischen Entwicklungen in Eurem Arbeitsbereich?
Welche Errungenschaften der letzten Jahre sind besonders hervorhebenswert in Bezug auf
Strukturen im Freien Tanz?


Input
Anna Mülter ist künstlerische Leitung des internationalen Festivals Theaterformen. Hier wird zwar mittlerweile auch Tanz gezeigt, aber es gibt keinen lokalen Auftrag. Das Real Dance Festival hingegen, geleitet von Melanie Zimmermann, ist stärker mit der lokalen Szene im Austausch. Anna Mülter spricht deshalb mehr von ihrer Erfahrung bei den Sophiensaelen in Berlin, hat dort Strukturen mit-verändert. Dazu gehört unter anderem die erkämpfte IMPACT Förderung – entstanden durch den Runden Tisch Tanz, eine Zusammenarbeit und Vernetzung von Freier Szene / Künstler:innen, Verwaltung und Politik.

Tiago Manquinho versammelt verschiedene Perspektiven in seiner Arbeit – er ist künstlerisch aktiv mit der Kompanie act:on, ist außerdem Teil von TANZKOOP und im Vorstand des LaFT.

„Was können wir machen als Akteur:innen, als Künstler:innen, die so gut über die Bedarfe Bescheid wissen, sich dafür zu engagieren und dafür Arbeit zu leisten, um die eigenen aber auch die Arbeitsbedingungen von allen zu verbessern?“ (Tiago Manquinho)

Als Errungenschaften gilt für ihn der Proberaum aufgebaut von TANZKOOP, den mittlerweile ca. 30 Künstler:innen nutzen. Daraus entstehen Projekte. Es bleiben mehr Tanzschaffende in Braunschweig und der Region. Proberäume werden in Braunschweig mit jährlich mit ca. 100.000 € gefördert. Das ist viel im Vergleich zum Topf für Projektförderung.
Tiago beobachtet eine wahnsinnige Entwicklung in der Tanzszene.

Elisabeth Nehring versteht ihre vielfältigen Tätigkeiten als Vermittlung, im Sinne eines Mitarbeitens an der Sichtbarkeit von Tanz, unterstützt den Tanz kulturpolitisch und vermittelt auch in ihrer Funktion als Journalistin … 2018 hat sie als Ko-Moderatorin den fast einjährigen, partizipativen Prozess des Runden Tisch Tanz in Berlin geleitet. Es wurden fünf AGs gegründet. Entscheidungsfindung und Themensetzung verlief demokratisch.
Daraus entstand ein 70-seitiges Papier, u.a. auch ein kurzer Entwurf für ein Haus für Tanz und Choreografie, Entwürfe für weitere Förderinstrumente. Der Prozess hat zu mehr Verständnis zwischen Verwaltung und Kulturschaffenden gesorgt. Mittlerweile ist sie in der Leitung der Fachstelle Tanz in Mecklenburg-Vorpommern. Die Tanzszene in Mecklenburg-Vorpommern verstreut, vier feste Ensembles und freie Tanzschaffende. Viele von ihnen halten sich mit Workshops und Tanzvermittlung über Wasser. Bevor es diese Stelle gab, waren die Akteur:innen eher vereinzelt. Sie konnte Vernetzung, Sichtbarkeit und Stärkung schaffen.

Michael Freundt ist Geschäftsführer des Dachverbands Tanz, der sich 2006 gegründet hat. Anliegen des Dachverbands ist es die verschiedensten Ästhetiken, Stile und Arbeitsweisen, umfasst daher auch feste sowie freie Ensembles und Künstler:innen. Über die Kunst hinaus sind auch Tanzwissenschaftler:innen, – Pädagog:innen, Tanzschulverbände, Tanzarchive, Tanzjournalist:innen in ihren jeweiligen Bündnissen. Als Errungenschaft benennt Michael Freundt Tanzpakt Stadt Land Bund. Das Programm hat einen Vorgänger: ein von 2005 – 2010 laufendes bundesweites Förderprogramm mit insgesamt 20 Millionen für den Tanz – dieses Programm schafft Strukturen im Tanz. Nach vielen Jahren der Lobbyarbeit konnte es 2017 fortgesetzt werden. 1,25 Millionen Euro vom Bund stehen zur Verfügung und soll dazu führen, dass Tanz vor Ort entwickelt werden kann. Das Programm läuft bis 2030 weiter. Die Arbeit des Dachverbandes darin ist ein kulturpolitischer Dialog, dabei geht es darum vor Ort mit den Akteur:innen aus Verwaltung und der Szene zusammenzubringen, um den Tanz zu entwickeln und bei der Politik für die Pläne Werbung zu machen. Verschiedene Ebenen müssen dafür zusammengebracht werden: Koordination zwischen Verwaltung, Ministerien, der kommunalen und der Länderebene. Tanz sichtbar machen bleibt eine wichtige Aufgabe: durch stärkere Förderung aber auch durch Orte für den Tanz.

„Im Grunde müsste es in jedem Bundesland ein substantielles Tanzhaus geben. Es müsste auch hier in Hannover ein Haus geben, wo 250 Leute auf eine Tanzbühne schauen können und wo die Dinge, die sei es in der Faust, im Tanzhaus im Ahrbergviertel und in der Eisfabrik produziert werden auch nochmal eine gemeinsame Bühne und ein großes Bühne finden.“ (Michael Freundt)

Aktuell ist Michael Freundt involviert in den Prozess „Tanzentwicklungsplan Hannover“.
Förderung, Räume, Qualifizierung und Entwicklung der Szene. Es gibt aktuell Konflikte, er ist aber
optimistisch, dass sich da gemeinsame Linien finden lassen.

Zusammenfassung der Maßnahmen, die angesprochen wurden:

– Förderinstrumente
– Räume
– Vernetzung von Künstler:innen untereinander
– Vernetzung zwischen Künstler:innen, Verwaltung und Politik
– Vernetzung zwischen Stadt, Land und Bund


Was braucht es darüber hinaus?
Aus Perspektive der Künstler:innen werden folgende Fördermittel und Instrumentarien als notwendig für die Weiterentwicklung ihrer Arbeit genannt:

Rechercheförderung, unterstützt die Entwicklung neuer Ideen

„Wenn wir keine Fast-Food-Produktionen machen wollen, sondern etwas tiefer gehen,
brauchen wir Recherche.“
(Sara Angius)

Gastspielförderung, wichtig in Punkto Nachhaltigkeit

– Infrastruktur, Orte, an denen produziert und gespielt werden kann

„Welche Orte sind verfügbar für uns in der Freien Szene, mit welchen Tarifen, zu welchem
Preis können wir diese Räume nutzen?“
(Mónica García Vicente) – Höhere Fördermittel – Schwierigkeit die Förderung aus verschiedenen Bundesländern zu verbinden, um überhaupt ausreichend finanzielle Ressourcen zu haben für die eigene Arbeit und Arbeitsweisen (wie etwa geteilte Leitungsposition, enge Zusammenarbeit mit Künstler:innen aus anderen Gewerken)>

„Niedersachsen ist das Bundesland mit den zweitniedrigsten Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur. Schlusslicht sozusagen. Daran muss was gemacht werden.“ (Anna Mülter)

Anna Mülter ergänzt aus der Perspektive der Festivalleitung von Theaterformen:
Als Festival hat Theaterformen überregional eine Vorreiterrolle in Punkto Barriere-arme Zugänge
schaffen. Barrierefreiheit beim Festival Theaterformen – hier gibt es die Schwierigkeit, dass sie – durch die Zugehörigkeit zum Staatstheater – z.B. kein Geld von Aktion Mensch erhalten können. Gleichzeitig sind die Finanzen des Festivals separat. Viele Förderprogrammen sind ihnen deswegen nicht zugänglich. Nur durch Einsparung von Produktionen, die gezeigt werden, kann es Barrierefreiheits-Angebote geben. Es geht also auf Kosten des künstlerischen Programms.

„Es ist eine Herausforderung barrierearm zu produzieren. Wir haben einen positiven Förderbescheid bekommen, aber gekürzt. Bei manchen Künstler:innen wird um die Hälfte gekürzt. Wenn man überhaupt gefördert wird. Ein Großteil unser Kosten sind Access Kosten. Wir haben uns jetzt entschieden Kostüm- und Bühnenbildner wegzulassen. Und das geht an die Substanz. Aber das ist unsere Entscheidung. Man muss es sich leisten können, Barrieren abzubauen.“ (Tiago Manquinho)

Vorbild UK: Viele Künstler:innen müssen in Großbritannien aufgrund von aktuellen Kürzungen ihre künstlerische Tätigkeit aufgeben, da sie selbst Assistenzen brauchen, um ihre Arbeit zu realisieren. Es gibt auch positive Beispiele: in der Kulturförderung sind Produktions- und Access Kosten getrennt. Auch um eine Vergleichbarkeit zwischen den Projekten herzustellen. Da Projekte, in denen Hörende und Taube Künstler:innen zusammenarbeiten, Übersetzer:innen benötigt und je nach Größe des Projekts, 50.000 – 100.000€ mehr Access-Kosten produziert, als ein Projekt, bei dem diese Kosten gar nicht auftreten.

– Es braucht einen Extra-Topf für Access-Kosten, sowohl was das Publikum angeht, als auch
Mitwirkende in der Produktion.

Generell empfiehlt Anna Mülter immer, die Access-Kosten in das Projekt miteinzurechnen. Das ist aber in einem Land wie Niedersachsen ein großes Problem, das noch eines der Länder ist, wo Mindesthonorare nicht gelten, wo 31 Förderanträge gerne um die Hälfte gekürzt werden. In Berlin darf das gar nicht mehr gemacht werden. Das liegt in Niedersachsen unter anderem an der Problematik „Flächenland“, um nicht ganze Landstriche ohne Kultur zu haben und dass Künstler:innen und Häuser in einem Topf sind.

„In Niedersachsen wird in der Jury, in der ich auch sitze, so lange mit dem Rasenmäher drübergefahren, bis all die Projekte, die man drinhaben will, auch drin sind.“ (Anna Mülter)

Förderprogramm für Künstler:innen, die Diskriminierung erfahren
Ein weiteres Problem ist: Wie viele Künstler:innen mit Behinderung werden überhaupt gefördert? Ergebnis in Berlin durch die AG des Runden Tischs : Impact Förderung wurde umgesetzt, konnte sogar durch die Kürzung verteidigt werden. 500.000€ pro Jahr für Künstler:innen, die Diskriminierung erfahren und einer entsprechend besetzten Jury.

„Da kommt immer die Kritik: Ah, da werden sie alle in eine Schublade gesteckt. Aber was am Ende zählt ist, dass diese Leute Projekte machen können.“
(Anna Mülter)

Bürgerfonds in Mecklenburg-Vorpommern
In MV gibt es grundsätzlich nur einen Fördertopf: die allgemeine Kulturförderung. Zu 90% werden daraus Projekte und Initiativen gefördert, die eigentlich fast institutionalisiert sind und bereits fest verankert in der Kulturszene. Auch freie Künstler:innen greifen auf diesen Fonds zurück. Es werden immer mal wieder neue Fördertöpfe eingerichtet. Neuerdings der Bürgerfonds – dahin wird abgeschoben, was in der allgemeinen Kulturförderung keine Chancen hat. Einmal pro Quartal kann beantragt werden. In diesem Jahr wurde bereits zur ersten Förderfrist das Budget ausgeschöpft ist. Die Projekte des Bürgerfonds anders als bei der allgemeinen Kulturförderung müssen nicht von landesweiter Bedeutung sein.

„Lobbyarbeit ist einfach das A und O für Strukturveränderungen und zwar Lobbyarbeit, die auch professionell betrieben wird und über das, was man im Ehrenamt leisten kann, hinausgeht. Das ist ein Full-Time-Job.“

In Berlin etwa gibt es ein sehr ausdifferenziertes Fördersystem, von Einstiegsförderung bis hin zu dem ebenfalls am Runden Tisch entstandenen Fördermodul Tanzpraxis, eine monatliche Zahlung für die unbezahlte Arbeit der Tanzschaffenden nach einem Modell, das in Norwegen schon lange Realität ist. Gestaffelt wird die Zahlung nach den Kategorien emerging, mid-career und senior artist. Dies war nur durch entsprechende Lobbyarbeit möglich.

„Darüber müssen wir reden: Dass nicht nur Projektförderung, sondern auch Künstler:innenförderung weiter realisiert wird.“ (Elisabeth Nehring)

DIS-Tanzen-Förderung durch den Dachverband Tanz während der Corona-Pandemie entspricht dieser stipendienartigen Förderung. Der Dachverband hatte nach Auslaufen des Förderprogramms einen Pitch mit den Ländern und schlägt vor, dieses Modell weiterzuentwickeln. Die Länder bekräftigen: Wir haben nicht das Geld dafür. Das würde uns enorm belasten.

Im partizipativen Prozess mit der Szene in Kassel durch den Dachverband Tanz haben sich Künstler:innen stark gemacht für mehr substantielle Förderung anstelle von vielen kleinen Beträgen nach dem Gießkannenprinzip und mehrjährige, größere Förderung, um perspektivisch weitere Mittel akquirieren zu können. Auch wenn dies bedeutet, dass sie nicht jedes Jahr gefördert werden. Die Fristen müssen zueinander passen, sodass für die Antragstellung beim Fonds Darstellende Künste Gelder bereits bewilligt sind.

„Im Filmbereich stellt sich niemand ans Set, der kein Drehbuch hat. Und Drehbücher werden gefördert. Im Tanz sagt man: Okay, lasst uns doch recherchieren, um ein klares Konzept zu entwickeln, um gut vorbereitet in die Proben zu gehen.“ (Michael Freundt)

„Die Recherche ermöglicht auch eine gewisse Qualität. Und diese Frage muss man der Politik stellen. Was für eine Qualität wollen wir haben? Wollen wir immer unterfinanziert Projekte haben, mit denen wir nicht vollständig zufrieden sind?“ (Tiago Manquinho)

– Zum Stichwort Mobilität und Touring: dieses wird z.B. in Frankreich stärker unterstützt durch Agenturen für Distribution. Dies entlastet die Künstler:innen.

Es braucht mehr Vermittlung, wie der Alltag als Künstler:in funktioniert. Gleichzeitig ist es finanziell nicht möglich, diese unbezahlte Arbeit als Künstler:in immer wieder zu leisten. Deshalb braucht es hauptamtliche Stellen, die diese Kommunikationsarbeit übernehmen. Das Ehrenamt darf das Hauptamt nicht ersetzen.

Ein Blick in eine andere Sparte:

„Der deutsche Musikrat schafft es, alle möglichen Bundesverbänden zu verbinden, von den Philharmonikern bis hin zur Blasmusik. Die können hingehen und sagen: Wir vertreten 15 Millionen Musiker:innen. Nun haben die gefühlt 200 Jahre Lobbyvorsprung, weil sie sozusagen an den Fürstenhäusern schon für ihre Arbeitsbedingungen gekämpft haben. Aber trotzdem bleibt es für mich ein starkes Bild dafür, dass es gehen kann. Deshalb ist für uns gerade so wichtig nach vorne zu bringen, was unsere gemeinsamen Werte sind im Tanz und was uns verbindet.“ (Michael Freundt)

Dabei ist wichtig im Blick zu behalten, dass es einerseits im Tanz feste Strukturen mit Tarifverträgen gibt und andererseits noch einen enormen Kampf braucht in der Freien Szene, um auf Augenhöhe zu kommen. Es braucht trotzdem Bündnisse, zwischen den festen und freien Künstler:innen, um gemeinsam der immer wieder wechselnden Politik gegenüberzutreten.

Diskussion über Honoraruntergrenzen in MV: Es gibt einen Konflikt zwischen der Höhe der Förderung und verpflichtenden Honoraruntergrenzen.

„Ja, wir wollen Honoraruntergrenzen. Aber wir müssen es daran koppeln, dass die Fördermittel insgesamt angehoben werden.“ (Elisabeth Nehring)

Fazit: Die Veranstaltung „Connect more dots“ bot eine wertvolle Plattform, um Impulse für die Entwicklung und Stärkung der Strukturen der Freien Tanzszene in Niedersachsen zu geben und zu diskutieren. Die Kombination der eingeladenen Gäste sorgte für eine produktive Mischung an Perspektiven: Der Austausch zwischen Künstler:innen, Vermittler:innen und Produzent:innen aus der niedersächsischen Tanzszene sowie aus anderen Bundesländern erlaubte es, das Wissen über die lokale und regionale Spezifität der Szene mit einem bundesweiten Blickwinkel zu verknüpfen. Best-Practice-Beispiele aus anderen Bundesländern und Erfahrungen, aber auch Schwierigkeiten bei der Umsetzung neuer Förderstrukturen, konnten geteilt werden. Es wurde eine Vielzahl von Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Szene vorgeschlagen. Die Veranstaltung unterstrich die Bedeutung von Zusammenarbeit, Kommunikation, Vernetzung und Förderung für die Stärkung der Tanzszene. Gleichzeitig gab sie einen eindrucksvollen Überblick über die von den hier anwesenden Akteur:innen und vielen anderen in haupt- und zumeist ehrenamtlicher Tätigkeit bereits erwirkten Strukturen.


Die Veranstaltung war Teil des bundesweiten Vorhabens TanzAllianzen, gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Bundesregierung für Kultur und Medien. Das Netzwerktreffen „connect more dots!“ ist eine Veranstaltung von LaFT Niedersachsen und TANZKOOP als Teil des Tanznetz Niedersachsens, gefördert durch die Konzeptionsförderung des Landes Niedersachsen.