Toil, Sheena McGrandels ©Agnė Auželytė

Die Zeit entscheidet: Tanz als Übung oder Übung als getanztes Sujet

Sheena McGrandles Toil, in einer Erstaufführung zu sehen vom 3. bis 6. Dezember im HAU2, präsentiert Tanz als Körpertraining und disziplinierte Repetition im profanen Arbeitsmodus von Tänzer*innen.

Toil ist in erster Linie eine Komposition aus Schritten, Footwork aus der Ausbildung in diversen tänzerischen Schulen und Traditionen: Fußarbeit nach Cunningham, Tendus, Bun Kicks, Ball Changes, Chassés. Im Unterricht einstudierte und regelmäßig wiederholte Moves addieren sich über die Jahre und formen den*die Tänzer*in.

Fünf Freiberufler*innen bilden das Ensemble dieser Produktion; alle haben intensive und weit über reine Schrittarbeit hinausgehende Erfahrung in unterschiedlichen Tanztechniken. Ihre postmoderne und zeitgenössische Virtuosität gründet im bewussten Verlernen (Unlearning) der Kontrollmechanismen, die Teil der klassischen und modernen Tanztechniken sind, die sich zu Sheena McGrandles Toil fügen.

Einige Passagen demonstrieren den Wandel im Lauf der Zeit: Die Intensität der Beats lässt nach, die Tänzer*innen verlangsamen ihre Bewegung. Ihre Performance erinnert nun an die Wende in den frühen 2000er Jahren, als Körperarbeit zunehmend auf zustandsbasierte Affekte orientierte. Physisches Gewicht schwindet – durch den Raum und von einem Körper zum anderen; geometrische Formen lösen sich auf.

Doch im Zentrum von Toil steht die Fußarbeit, die Muster, die die Tänzer*innen frontal vor den Zuschauer*innen erzeugen, als wäre das Publikum der Spiegel im Atelier. Live Drums, gespielt von Steve Heather in Begleitung von Marta Forsberg an Violine und Electronics, liefern das explizite Gerüst, auf dem die Füße der Tänzer*innen Halt finden, entsprechend den Traditionen, die das Vokabular ihrer Bewegungen vorgeben. Die Zeit bestimmt sich entlang der Uhr, die das Leben steuert. Wir beugen uns dem Messinstrument. Die Tänzer*innen unterwerfen sich der dynamischen Herrschaft des Metronoms, sie halten zusammen, keine*r gibt auf. Wir erkennen die Endorphine, die im gemeinsamen Workout ausgeschüttet werden, und die Freude, die das Festhalten am vorgesehenen Prozedere bringt. Hier bestätigt sich die Feststellung, die die Choreografin Susan Rethort 2012 in ihrem Essay über die Alltäglichkeit der Übungspraxis traf: „Spaß und Disziplin sind kein Widerspruch.“

Toil assoziiert diese „Disziplin“ mit Arbeit, ebenso wie die Kostüme: Die Performer*innen tragen „Arbeitskleidung“ – Shorts und T-Shirts, mit großen Taschen. Doch weder „Arbeit“ noch die – auf sie verweisende – „Disziplin“ in und jenseits der Produktion müssen auf die erkennbaren Traditionen reduziert werden, die Toil eindeutig, sehr direkt und sehr konkret vermittelt. Selbst wenn sie für Spaß und Freude stehen. Wie und warum wir arbeiten (oder „gearbeitet“ werden) generiert die Funktion und Bedeutung eines Werks, oder das Fehlen derselben.

Hin und wieder lächeln die Künstler*innen auf der Bühne. Sie nicken einander zu oder grüßen Bekannte im Publikum. Sie sind Menschen mit einer eigenen Geschichte, Individuen, die sich in einer Gruppe zusammenfinden, sich gleichsam in ihre gemeinsame Vergangenheit fügen, verbunden nicht durch die Angst, die häufig das Training begleitet, sondern in Anerkennung von und Sehnsucht nach dem Können, das sie einst erwarben und auf das sie jetzt zurückgreifen. Dies hier ist ein Engagement. Das wissen wir. Wir sehen einen aktuellen Gig von Freelancern: Moves synchron zum Sound und anderen Performer*innen, die uralte Freude / Herausforderung des Bühnentanzes – Tanztraining im Ensemble, begleitet von energischen Beats, doch ohne die/den grausame*n, jede Regung überwachende*n Ballettlehrer*in, notorischer Auslöser traumatischer Erfahrung im Ballettsaal. Hier steuern die Tanzenden selbst, ihre Schritte zeichnen die Karte, ihr Rhythmus ist der Weg.

Es ist nett, Menschen in Bewegung zuzuschauen. Doch was will diese Show? Wo verortet sie Autor*innenschaft? Toil bestätigt etliche gängige Klischees über die Ausbildung von Tänzer*innen, und ich frage mich, trotz des Sinns für Spaß und Empathie im Team, wie diese Inszenierung die nicht-produktive Arbeit, die sie doch zeigen will, interpretiert – jenseits von Reiteration und Objektifizierung bekannter Routinen.


Toil von Sheena McGrandles feierte vom 3.-6. Dezember 2026 Premiere am HAU2.