Ein Tänzer trägt eine Tänzerin auf der Schulter. Sie lächelt, ihr Arm ist ausgestreckt. Durch die bauschigen Kostüme wirken die zwei Körper wie einer.
„Trapicana“, J. Tischkau, J. Nedd, S. Yukiko, Malpaso Dance Company © Lennert Brede

Die Falle der Sichtbarkeit

Mit Trapicana, einer Zusammenarbeit zwischen Joana Tischkau, Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und der Malpaso Dance Company, eröffnete am 13.8.2026 im HAU1 die 38. Ausgabe von Tanz im August. Bis zum 29.8.2026 zeigt das Berliner Festival insgesamt 19 Arbeiten an unterschiedlichen Spielorten.

Was macht den Tanz relevant? Diese Frage muss sich nicht nur die Berliner Tanzszene angesichts erfolgter und drohender Kürzungen von Geldern für die Kunst immer wieder stellen. In ihren Eröffnungsreden für Tanz im August geben Annemie Vanackere, Intendantin des HAU, und Ricardo Carmona, Leiter des Festivals, ähnliche Antworten. Sich als dreidimensionale, sinnlich erfahrende und erfahrbare Menschen in einem Raum zu begegnen, unterminiert, so würde ich es wiedergeben, die flache Logik der Projektionen und des Hasses, die sich zunehmend in antidemokratischen Bestrebungen entlädt. Das ist, was in meinen Ohren nachklingt, als sich der Vorhang für die erste Szene von Trapicana hebt.

Gemeinsam entwickelt von Joana Tischkau, die sich mit hegemonialen Blickregimen, Schwarzer Kultur und der Kritik an Authentizität beschäftigt, Jeremy Nedd, dessen Choreografien Tanzstile aus unterschiedlichen Communities integrieren, Sophie Yukiko, Mitbegründerin der deutschen Ballroom Szene, und der kubanischen Malpaso Dance Company kombiniert Trapicana ausladende showtheaterartige Choreografien mit konzeptuellen Gesten, afro-kubanische Stile mit Varietétanz, Klischees mit ihrer Dekonstruktion. Toll sind die pomponförmigen Kostüme (Lenna Stam), die wackelnd die Bewegungen der Tänzer*innen ins Komisch-Groteske vergrößern. Oder das aufgeblasene Portal (Bühne: Lea Steinhilber) mit der Aufschrift Trapicana, eine Referenz auf den legendären Nachtclub in Havana. Im Verlauf des Stücks wird aus Trapicana zunächst in einem Anflug von Vandalismus Trap (engl: Falle), wenig später dann stückelt man die Buchstaben zu Patria (Heimat) zusammen. Die Bühne, Ort des Schönen, der Virtuosität und des Ruhms, Dispositiv der Sichtbarkeit – sie ist eine Falle und bleibt trotzdem auch Heimat. Obwohl die Botschaft nicht zu übersehen ist, bleiben bei mir Fragen offen. Pure Unterhaltung aka Entertainment wollte das Stück offensichtlich nicht sein. Pausenlos fixiert von den Tänzer*innen, die mit maskenhaftem Lächeln um meinen Blick buhlen, mit Empörung oder gar Furcht ins Publikum schauen, fühle ich mich nicht gerade dazu eingeladen, die Sinne für ein Einlassen des Geschehens in meinen dreidimensionalen Körper zu öffnen. Im Gegenteil sitze ich wie festgenagelt auf meinem Platz und genau so soll es sich wahrscheinlich anfühlen. Eine Umkehrung des gewaltvollen Blicks, eine Umkehrung der Machtverhältnisse.

Wenn sich aber auf der Bühne wie im Publikum alle trapped fühlen, wenn es zwischen zwei getrennten Räumen nichts als watching und being watched gibt – ich schreibe das absichtlich auf englisch, wo sich sehen und überwachen ein Wort teilen – wäre es dann nicht höchste Zeit, die Bühne auf den Kopf zu stellen, das Licht auszumachen und im Schatten zu tanzen, die Körper (wenigstens im Theater) aus der Überwachung zu entlassen? Apropos Relevanz von Tanz und körperlicher Kopräsenz. Mir geistern Fred Motens und Stefano Harneys Stimmen durch den Kopf. Ich klappe ihr Buch “All Incomplete” auf und lese: „The unwatchable place we make when we watch with one another, having refused to watch one another, having refused one and another, is shared, unblocked, unloaded into a kink, the non non block of our stranded strand.“1

  1. Moten, Fred und Harney, Stefano: All Incomplete, Minor Compositions, 2021, S. 20