What’s a Mob to a King: Plot Twist Redemption von Liina Magnea als Premiere vom 12. bis 15 Juni 2026 im Rahmen des Never Work Festivals in den Sophiensælen Berlin.
In einem Bühnenbild aus reproduzierten Picasso-Werken folgt Liina Magneas Musik- und Tanz-Stück einer machthungrigen Frau und zwei verlorenen Soldaten durch einen Zyklus von Songs, die sich kritisch mit Kriegspropaganda, Nachkriegsmythen von individueller Genialität und dem Reiz von Zweck und Zugehörigkeit auseinandersetzen. Die beeindruckende Präsenz der Künstlerin und die geschmähten Ambitionen junger Männer fließen zusammen in einer originär absurden Debatte darüber, was es braucht, um anzuwerben oder angeworben zu werden.
Alice:
Mit kleinem Ensemble und unkonventionellem Bogen tief in den Stoff eindringen – Songs, Story, Tanz – wendet diese in Medien von Einflussnahme und Abstraktion.
Liina:
Ich verharre im weiten Spektrum der Referenzen, die das Publikum beiträgt. Die Tanzbühne bietet großartigen Raum für Nähe. Würde ich diese Produktion im Theater des Westens zeigen, wollte das Publikum ein Narrativ, eine Geschichte: Was willst du uns erzählen? Wie soll ich die Lieder verstehen? Welchen Sinn haben sie?
Ursprünglich wollte ich eine Männerchor einsetzen. Das erwies sich als zu teuer. Doch ich wollte nichts reduzieren. Ich bin besessen von Form und Emotionalität. Männerchöre haben eine enorme Klangfülle. Dann realisierte ich, dass wir auch ohne einen Chor mit Gesang arbeiten können. Songtexte in der Popmusik sind manipulativ: Du sagst „George W. Bush“, und das Publikum swingt und singt mit. Die Leute brauchen immer einen Moment, um zu verarbeiten, was sie gerade hörten.
Alice:
Verborgene Botschaften. Kontrollmechanismen, wie sie sich beispielsweise in der von dir aufgezeigten Verbindung zwischen Liebessehnsucht und dem Versuch, seinen Sinn in der Armee zu suchen, manifestieren, sind uns nicht immer bewusst. Werbung funktioniert bei den Schwachen und dafür Anfälligen, die dann wiederum zu wirklich bösen Kampfmaschinen mutieren: Welch Gegensatz!
Liina:
Dazu habe ich eine persönliche Geschichte. Von klein auf lernte ich, dass du in der Lage sein musst, dich selbst und dein Land zu verteidigen. Finnlands Nachbar heißt Russland. Mein Vater produzierte Kriegsfilme: Seine häufig in Estland gedrehten finnisch-russischen Koproduktionen waren keine Kriegspropaganda, doch sie standen für einen gewissen Fetischismus. Meine Brüder liebten Airsoft-Schlachten und solide Waffen. Mit Begeisterung stürmten sie Häuser und andere Gebäuden.
Alice:
Realität und Fantasie. Regierungen müssen Kriege sinnvoll erklären, damit die Bürger*innen bereit sind, Militärdienst zu leisten. Dann aber wechseln sie auf die Seite der Kulturschaffenden und übernehmen die Rhetorik derjenigen, die diese Kämpfe als Tragödien verurteilen. In der Kunstszene gehen wir gern davon aus, dass alle gegen das Militär sind. Gleichzeitig feiern wir das als Marke verkaufte individuelle Genie. Das ist pure Heuchelei! Mit dem Mittel des Absurden weckt deine Produktion sehr subtil ein Bewusstsein für diese Dynamik.
Liina:
Das Genie in der Kunst zeigt sich, wenn sie dich eher bewegt, denn provoziert. Das erreiche ich durch Selbstkritik und Anerkennung meiner eigenen Hypokrisie: Ich bin gegen den Krieg, will glauben, dass es einen anderen Weg gibt, und frage mich gleichzeitig, ob das nicht Augenwischerei ist. Oder ist es eine Illusion zu glauben, dass Krieg die einzige Option ist?
Alice:
Es gibt viele Beispiele für Antikriegskunst—Marlene Dietrich, Yoko Ono, Brecht… Das Besondere hier ist, dass du dich bewusst in die Rolle einer Figur hineinversetzt, während du sie performst: Du bist die Diplomatengattin neben Noah Rees und Konstantin Wloch als verloren wirkenden, leicht zu beeinflussenden Soldaten, die in deinem Bann stehen.
Liina:
Chaplin parodierte Hitler schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Bereits in den 1930er Jahren mokierte man sich in den Cabarets der Weimarer Republik über ihn. In der Vorkriegszeit herrschte Konsens: Dieser Mann ist eine Witzfigur.

© Mayra Wallraff
Alice:
Chaplin musste seine Produktionen selbst finanzieren, da Hollywood fürchtete, Deutschland zu verärgern. Dein Werk verortet sich zwischen verschiedenen Epochen und Genres. Der zeitgenössische Tanz verwahrte sich lange gegen ein Narrativ; die Arbeit mit Figuren und Texten erscheint sowohl transgressiv als auch als Rückkehr zu den Historien der Vergangenheit.
Liina:
Ich arbeitete mit bildenden Künstler*innen (u.a. Astrid K. Nylander, die Bühnenbild und Licht gestaltete), die ohne eine Erzähllogik auskommen. Die Inszenierung in der kollektiven Zeit des Theaters bietet überdies einen spezifischen Erlebnisrahmen. Auch halfen uns die Dramaturg*innen der Sophiensæle in der finalen Phase einen Handlungsbogen zu entwickeln.
Alice:
Mir gefielen die Jungs und ihre Beziehung zu dir. Sie bringen eine Art natürlichen Ehrgeiz mit, nämlich den Wunsch, als Darsteller an deiner (höchst produktiven) Seite den Erwartungen gerecht zu werden und die Anstrengungen und Opfer zu reflektieren, die sie in ihren Rollen als hingebungsvolle, liebeskranke, leidende Soldaten auf sich nehmen.
Die Inszenierung hatte etwas Verführerisches: Deine Figuren fesselten mich, zogen mich in ihren Bann. Sie waren faszinierend und verständnisvoll. Du selbst warst Lady Macbeth: die Frau, die sie in die ultimative Selbstzerstörung drängt.
Liina:
Sie ist nicht weniger selbstzerstörerisch. Sie ist süchtig, kann nicht aufhören. Sie weiß genau, was geschehen wird: Ihr Kick wird erst möglich durch das Leid der anderen. Stellvertretungsmacht. Die eigene Marginalisierung als Vorteil. Mit einem Fuß auf den Schultern anderer stehend, von oben drängend.
Alice:
Toxisch. Ich bin besessen von wahren Krimis, denn diese offenbaren die Fragilität des Menschen, die Grenzen, die – unter bestimmten Bedingungen –jede*r überwinden kann.
Liina:
Denke ich an die Bösen, an diese Machtgestalten, realisiere ich, dass wir alle Affinitäten haben – mal unterworfen, mal dominant, je nach den Umständen. Viele von uns sagen vielleicht Ja und Amen, zu zerstörerischen Kräften in spezifischen Situationen. Dies anzuerkennen, soll keine Entschuldigung sein. Doch es erklärt, wie sich jemand fühlt, die/der eine Zweck gefunden hat, einen Ort, das Gefühl, in die Welt zu gehören.
Alice:
Der Ausweg aus der Prekarität. Darum geht es.
Übersetzung aus dem Englischen von Lilian Astrid Geese
What’s a Mob to a King: Plot Twist Redemption von Liina Magnea feierte im Rahmen des Festivals Never Work in den Sophiensæle Berlin vom 12. – 15. Juni 2026 Premiere.