I don’t want to swallow anymore, Siegmar Zacharias ©Barbara Antal

Ausgespuckt

Das SUBMERGE Festival 2025 der Lake Studios präsentierte Workshops und Performances, in denen die eingeladenen Kunstschaffenden Einblick in ihre Praxis und Projekte boten. Siegmar Zacharias zeigte I don’t want to swallow anymore am 16. August.

Leider konnte ich an Siegmar Zacharias‘ Workshop „Von Pflanzen Verweigerung, Solidarität und Verdauen lernen“ nicht teilnehmen. Doch ich reiste ins pflanzenreiche, grüne Örtchen Friedrichshagen, für ihre Mittagsperformance am nächsten Tag. Mich erwartete, so wurde es treffend beschrieben, ein „somakustisch-sabbernder Vortrag.“

Vor sich windenden Sitzreihen im lichtdurchfluteten Studio steht die charismatische Zacharias, gekleidet in einen Bleistiftrock aus Kunstleder und eine Chiffonbluse. Ihre Hände glänzen hellviolett, farbverschmiert bis zu den Gelenken, als hätte sie in ätzenden Schleim gegriffen, um einen giftigen Pfuhl zu entkrauten. Ihre Lippen sind grell pink geschminkt, und sie hält sich ein Mikrofon vor den Mund.

Wir nehmen unsere Plätze ein, während sie feuchtschmatzende Sauggeräusche ins Mikrofon tropft. Ihre Zunge drückt gegen fleischige Mundwände und Gaumen, der Kiefer lockert sich, sie kaut. Eine unsichtbare Höhle füllt sich mit Flüssigkeit, ihre sich verengenden Wände umschließen uns.

Zacharias kneift sich in die Wange, zieht sie ein, bläht sie auf. Feuchtes Gewebe schwillt an, wird von Zähnen und Zahnfleisch angesaugt und wieder freigegeben. Ich spüre das Echo in meiner eigenen entzündeten Wange, ein blinder Pickel pulsiert unter der Haut. Im akkordeonartigen Ziehen erkenne ich instinktiv die zarte Zerbrechlichkeit permeabler Haut – elastisch, sekretierend, schwitzend, von innen heraustriefend.

Die schlürfende Klanglandschaft verwandelt sich zur Stimme. Zunächst höre ich unverständliches Murmeln, dann bilden sich Worte. Spucke quillt über die Lippen der Performerin, verschmiert den Lippenstift, tröpfelt über ihr Kinn, weitet sich zum Fleck auf der Bluse. Ihre Worte – überdeckt vom fortwährendem Speichelfluss – fragmentarisch ausgestoßen, gleichsam in Spucke gehüllt: Speichel als Medium von Sprache, Verzehr und Sex. Affektiv konditioniert, kombiniert Zacharias Bedeutung mit materieller Produktion.


©Maria Kousi


Ihr fließender Vortrag führt uns zu den toten Walen an dänischen und deutschen Küsten, deren Mägen mit Plastikmüll vollgestopft sind. Sie sind die Opfer (un)menschlichen Handelns, verstärkt durch Klimakrisen, die ihr Überleben bedrohen. Das Thema der eingekapselten und einkapselnden Körper setzt sich fort: Nun geht es um den beängstigenden Kontrast zwischen der Langlebigkeit eines Automotors und der Kurzlebigkeit des Riesensäugers, der ihn verschluckt. Speichel läuft weiter und verbreitet sich. Hin und wieder stößt Zacharias einen eindringlichen Schrei aus, einen Walgesang.

Ihre sabbernden Worte widmet sie jetzt den menschlichen Opfern. Sie zeichnet verworrene Geschichten der Gefangenschaft: Tausende von Leichen, begraben in Säcken, getötet durch Bomben, Schüsse und Hunger. Nichtschlucken als entschieden subtile Ablehnung jeglicher Ungerechtigkeit, als Verweigerung jeder Vereinnahmung, Assimilation, Normalisierung. Zacharias‘ flüssiger Körper sprudelt Widerstand, ergießt sich in Solidarität mit den Unterdrückten, Getöteten, Märtyrern. Die Weigerung, einen Akt des Protests, zu verkörpern oder zu akzeptieren, macht – paradox und smart – die von ihr angeprangerten Schrecken deutlich sichtbar und spürbar. Es ist ein wirkmächtiger Akt, zumal in Berlin, wo Proteste gegen die Unterdrückung von Palästinenser*innen immer wieder brutal unterdrückt werden. Vielleicht lernte sie das Sabbern von der „Guttation” der Pflanzen, die Saft aus den Blatträndern ausscheiden, um so überschüssiges Wasser aus den Wurzeln abfließen zu lassen.  Ich bin dankbar für eine Performance, die darauf verweist, dass globale Gräueltaten untrennbar mit unserer Verantwortung und unseren Freiheiten verknüpft sind. Wie die Pflanzen sind wir durch viele gemeinsame, strukturelle Systeme miteinander verbunden.

Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese


I don’t want to swallow anymore von Siegmar Zacharias wurde am 16. August 2025 im Rahmen des SUBMERGE Festival in den Lake Studios gezeigt.