Ein blonder Mann in schwarzen Stiefeln, kurzer Hose und Lederharnisch wird von einer Frau in ähnlichem Harnisch geohrfeigt.
Goodbye Berlin, Constanza Macras ©Thomas Aurin

Aus der Vorhölle. Ein Beschwerdebrief

Mit Goodbye Berlin (Premiere Oktober 2025, zu sehen in dieser Spielzeit an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz) scheint sich die Choreografin Constanza Macras nicht nur metaphorisch von Berlin zu verabschieden.

Seit Wochen fahre ich mit dem Rad an den Plakaten vorbei, die diesen Abschied ankündigen. „Goodbye Berlin“ steht da, und drunter („deine“ möchte man dazu lesen) „Constanza Macras“. Wie ein knapper, demonstrativ indifferenter Abschiedsgruß kommt es daher. Und so ist es ja vielleicht auch gemeint. Denn diese Spielzeit ist die letzte von Constanza Macras als Hauschoreografin an der Volksbühne und je länger ihre revueartige Abrechnung mit der Stadt andauert, desto stärker verfestigt sich mein Verdacht, dass Macras wahrscheinlich schon längst über alle Berge ist. Dass sie Berlin verlassen hat und irgendwo, wo das Gras grüner ist, heimlich darüber lacht, dass wir uns gerade in der 123. Minute, bei der fünften Poledance-Szene und der 67. in unsere Gesichter gestreckten Arschritze weiterquälen durch das unbarmherzigste Porträt, das jemals von Berlin gemacht wurde.

Drei Tänzerinnen in knappen glitzernden Outfits an Poledance Stangen. Im Hintergrund ein schwarz glitzernder Vorhang.

©Thomas Aurin

Verschmolzen in ein Bild, sind das Berlin der 1920er bis 30er Jahre sowie das der Stadt heute aus Macras’ Perspektive betrachtet eine Art Vorhölle, in der Süchtige nach Sex, Exzess und Selbstfindung sich völlig hirnlos die Nächte um die Ohren schlagen, während mitten unter ihnen der Faschismus das Ruder übernimmt. Damit hat sich die einzige Idee des Stücks, wenn man mich fragt, auch schon zu Ende erzählt. Macras ist sich aber offenbar nicht sicher, ob wir es alle wirklich kapiert haben. Sie erzählt die gleiche Leier gefühlt zehn Mal, wobei in jeder Iteration, mal im minimalistischen Lederriemenharnisch, mal im paillettenlastigen Retrolook, um einen weiteren Pole, aka. Phallus, aka. goldenes Lamm getanzt wird. Der alttestamentalische Vergleich ist nicht zufällig gewählt. Ganz so wie in der Bibel vermischen sich in diesem Stück auf ungute Art der moralisch erhobene Zeigefinger und das, was er mit quasi-pornografischer Obsession in unnötigen Details als morallos darstellt. Wozu muss ich zusehen, wie ein Typ einem anderen Fake-Urin ins Gesicht spritzt? Wenn mich Sex und Urin in Kombination interessieren, gibt es genügend Orte, an denen ich genau das sehen kann, ohne ein Theaterticket zu bezahlen. Die Nachstellung auf der Bühne hingegen degradiert das Dargestellte als abartig und lächerlich, während ich als Zuschauerin am besten zugleich beides, sabbern und mich schuldig fühlen, soll.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass es von Macras selbst so gemeint war, aber aus ihrer Warnung vor dem Rechtsrutsch, in den wir – wie uns jede Szene im Stück zeigt – sediert mit Partydrogen und blind vor Wolllust hineinschlittern, spricht für mich eine Haltung, die mir nicht zum ersten Mal begegnet. Es geht um die These, dass die liberale Linke mit ihrer „Minderheitenpolitik“ so weit gegangen sei, dass die Mitte der Gesellschaft „nicht mehr mitkommt“, und in der Konsequenz an die Rechte verloren gehe. Eine These, die ich nicht nur fraglich, sondern sogar gefährlich finde. Denn sie verschleiert die ökonomischen Gründe für die Krise der Demokratie und spielt Menschen und ihre unterschiedlichen, aber nicht unbedingt unvereinbaren Werte und Wünsche gegeneinander aus. Wenn diese Ansicht gewinnt, dann aber wirklich Goodbye Berlin!


Goodbye Berlin von Constanza Macras feierte im Oktober 2025 Premiere an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.