Anja Goette. Foto: Isabel Robson

Anja Goette (1978 – 2025)

Ehemalige Ko-Leiterin des Tanzbüros Berlin |
Nachruf

Der plötzliche Tod lässt all jene, die Anja privat und beruflich nahestanden, fassungslos zurück. Man möchte nach ihr greifen, sie zurückholen, und spürt mit jedem Gespräch nur deutlicher die immense Lücke, die sie hinterlässt. Eine fachliche Spannbreite und gedankliche Tiefe, die ihresgleichen sucht. Von ihrem Witz ganz zu schweigen. 

„Das ganze Lesen (chinesischer Literatur) macht auf lange Sicht nur Sinn, wenn man zwischendurch auch in westliche, nahöstliche, afrikanische und andere fernöstliche Literatur schaut – und das gleiche Spiel gilt für Geschichte, Politik, Agrarwirtschaft, Musik …“ So schrieb sie damals in ihrem Abschlussbericht des DAAD-Stipendiums. Ein Satz, der heute den Reflex einer ADHS-Diagnose auslösen kann, doch in Anjas Fall war es immer gelebte Überzeugung. Aufgewachsen in Dresden, ging sie als 16-Jährige für ein Jahr nach Québec. Nach dem Abitur lebte sie in Paris und Rom, bevor sie in Leipzig Kulturwissenschaften und Sinologie studierte, letzteres war um die Jahrtausendwende noch ein Exotenfach. Es hätte auch Biochemie sein können, entgegnete sie auf die wiederkehrende Frage nach dem Warum. Oder Wirtschaftspolitik. Hauptsache, es war fordernd genug, um es nicht nebenher machen zu können. 

Mit dieser Leidenschaftlichkeit und Neugier ging sie schon während ihres Studiums in Leipzig und China jedes neue Projekt an, später als Ko-Kuratorin und Projektleiterin des HAU-Festivals „Umweg über China“ (2007), Co-Autorin des Buches „Chinaland“ (2009), Kuratorin des deutschen Pavillons der Expo in Shanghai (2010), Dolmetscherin und Produktionsleiterin am Nationaltheater Chengdu (2011), Mitarbeiterin des Thinktanks der Mercator Stiftung und nicht zuletzt im Rahmen ihrer Studien zu den deutsch chinesischen Kommunalbeziehungen (2018). Ständig neue Arbeitsfelder, immer in prägender und leitender Funktion. Allein das Rekapitulieren macht schwindlig. Keine Komfortzone, nirgends? Sofort denkt man an ihren Humor, an diesen minimalen Abstand zum Geschehen. Von hier aus sah sie in jedem Spektakel die kleinen Absurditäten an den Rändern. Diese anarchische Lücke, sie wirkte wie ihre Zone der Entspanntheit. 

Als sie 2018 zum Tanzbüro kam, waren der Tanz und die Berliner Kulturpolitik wieder einmal ein neues Aufgabenfeld. Schnell erkannte sie die tanzspezifischen Bedürfnisse der Künstler*innen, die komplexen Strukturen der Lokalpolitik und verstand die Relevanz des Tanzes für die Stadt. Bis zu ihrem Weggang 2023 verstand sie sich als Anwältin der Künstler*innen. Auch ihrer hartnäckigen Lobbyarbeit ist es zu verdanken, dass es seit dieser Zeit Arbeitsstipendien für Berliner Tänzer*innen gibt. Sie stellte das Team des tanzraumberlin-Magazins zusammen und prägte das Format maßgeblich. Mit den Tanzschreiber*innen arbeitete sie eng zusammen und kämpfte besonders in der Pandemie für die Sichtbarkeit der Tanzszene. Die eigene Sichtbarkeit bei all den Errungenschaften war ihr nie wichtig. Ihr ging es um die Sache, um die Menschen und in allem immer um die Menschlichkeit. 

Im Sinologiestudium, schrieb sie einmal, wurden Perspektivwechsel für sie zur Selbstverständlichkeit. „Starre Schwarz-Weiß-Klarheiten weichen einem Bewusstsein für die Grauzonen, man kann oft über sich selbst schmunzeln und lachen und kann sich der Grenzen und Lücken seiner Wahrnehmung, seines Wissens, bewusst werden.“ 

Dieses großzügige Denken, dieses Schmunzeln, diese warmherzige Nonchalance – mögen wir all das in uns weitertragen. Danke, Anja.


Stimmen einiger Weggefährt*innen, zusammengetragen von Katja Hensel