Für ihre Zusammenarbeit in YORIDOKORO – Silent Anchor (4. – 6.6.2026, Dock11) haben Tänzerin und Filmemacherin Megumi Eda und Soundkünstlerin Reiko Yamada einen überraschenden gemeinsamen Nenner gefunden: Volleyball.
Ich muss es einfach mal zugeben: Ich sehe mir nur ungern Ballett an. Meine Gründe sind persönlich, aber ich glaube, ich bin nicht die einzige Person, die diese Gründe hat. Natürlich bleibt mir bei jeder Pirouette, die eine*r vor mir dreht, für einen Moment der Atem stehen. Auch ich bin fasziniert von der Körperbeherrschung, mit der Balletttänzer*innen ihre Beine in erstaunliche Höhen strecken. Nur ist eben jene Bewunderung leider immer auch von dem unguten Gefühl begleitet, dass der eigene Körper im Vergleich dazu ein schwerfälliges Gefährt ist, dass – wenn überhaupt – nur ungenügende Leistungen erbringt. Ich übertreibe natürlich. Aber im Grunde sehe ich mir deshalb ungern Ballett an.
Ende des Disclaimers.
Crossfade zum Stück.
Megumi Eda’s Tanzkarriere hat im Hamburger Ballett begonnen und in YORIDOKORO – Silent Anchor integriert die Künstlerin diese Sprache in ihre choreografische Arbeit. Interessanterweise geht es mir hier nun ausnahmsweise gar nicht so wie oben beschrieben. Denn neben die mit der Präzision und Virtuosität eines Profis ausgeführten Elemente aus dem Ballett stellt Megumi Eda Material, das zum Teil den Charakter von Clownerie, zum Teil den von Bewegungsrecherche hat. Beides Kontexte, in denen die Möglichkeit des Scheiterns von vornherein mit mehr Freundlichkeit begrüßt wird als im klassischen Tanz. Mir ist das nicht nur sympathisch, es sorgt in diesem Fall auch dafür, dass ich meine Abwehr gegen das Ballett – zumindest heute Abend – fallen lasse.

©Kai Bernstein
Da ist zum Beispiel ein unheimlich komisches Interlude, in dem Eda versucht, acht Minuten lang rückwärts im Kreis zu rennen, wobei sie immer wieder schummelt, um dem Publikum völlig außer Atem zu erklären, was ihr bereits Eltern und Lehrer*innen beigebracht haben: Was man einmal angefangen hat, zieht man auch durch bis zum Schluss! Vom Bühnenrand ruft Reiko Yamada, die live den Sound für das Stück performt, ab und an die verbleibende Zeit rein. Yamada ist es auch, die in überlebensgroßen Videotutorials an der Bühnenrückwand auftaucht, um Eda das Volleyballspielen beizubringen. Aus diesem Mannschaftssport, den wiederum Yamada recht fortgeschritten zu beherrschen scheint, wird durch das Üben von Annahmen, Pässen und Schlägen schließlich choreografisches Material für Megumi Eda.
Mal spielt Eda mit einem echten Ball, mal mit vielen imaginären Bällen, die ihr aus dem Publikum zugepasst werden. Schließlich integriert sie den Ball in eine Phrase, die sich inzwischen weit von den für das Spiel notwendigen Bewegungen entfernt hat. Wahrscheinlich ist es das am Ball bleiben, das mich an YORIDOKORO – Silent Anchor am stärksten beeindruckt. Und damit meine ich vor allem den physischen wie metaphorischen Ball, den sich Eda, die Tänzerin, und Yamada, die Musikerin auf dem gemeinsamen Nenner des Volleyballfelds hin und her spielen. Denn dadurch entsteht eine einzigartige Zusammenarbeit zwischen Choreografie und Komposition, die ich so jedenfalls noch nie gesehen und sicher niemals wieder sehen werde.
YORIKODORO – Silent Anchor von Megumi Eda und Reiko Yamada wurde vom 4. – 6.6.2026 im Dock11 gezeigt.