4 Tänzer innen in bunter Kleidung sind in unterschiedlichen Posen auf der Bühne. Zwischen und hinter ihnen liegen verschiedene Stoffe.
Le Margherite, Erika Zueneli / Tant’ Amati ©Oriane Trably

Alles nur Zufall?

Die 36. Potsdamer Tanztage starten mit Le Margherite von Erika Zueneli / Tant’ Amati und begeistern mit fragmentierten Raumkreationen. Das Stück feierte die Deutschlandpremiere am 26. Mai 2026, mit Zusatztermin am 27. Mai.

Vorerst wichtig zu wissen: Die Margerite ist kein Gänseblümchen.

Zu bewegender Livemusik (und Gesang) von Sébastien Jacobs, gerade am Cello, tanzt eine*r der fünf Tänzer*innen mit sanften, aber präzisen Staccato-Bewegungen und sagt:

wenn ich eine Margerite wäre,

bin ich mir nicht sicher

ob ich noch alle meine Blütenblätter

hätte

Ich sehe tobende Fledermäuse, springende Hähnchen, riesige Adlige, zerstreute Büromenschen. Das Geschehen wirkt so spielerisch, dass ich auch Lust hätte, mich mit den ganzen Möglichkeiten auf der Bühne auszutoben. Figuren mit mehr Knorpeln als Knochen, ein imaginärer Hula-Hoop-Reifen, der sich durch die Körper bewegt.

I just go with my thoughts

clothes, counts, tools, scissors, today, A A B C

Verschiedene Konstellationen der Tänzer*innen entwickeln sich im Raum. Mal Posen, die an Alltagssituationen erinnern, mal symmetrische Formationen oder ein Gemälde. Die starken Soli der einzelnen Tänzer*innen ergänzen sich zu einem zwar nicht unisono, aber synchron wirkenden großen Ganzen. Und spiegeln die Dynamik des Stücks wider.

4 Tänzer innen in anderer bunter Kleidung stehen in unterschiedlichen Posen. Die Blicke gehen seitlich in unterschiedliche Richtungen.

©Oriane Trably

nackt auf der Wiese

liegen

die drei Grazien

in Stillbildern

ein riesiges Plastik-Tuch

als Robe getragen

Le Margherite bringt Ordnung ins Chaos oder akzeptiert einfach Chaos als Normalzustand. Situationen und Räume werden konstruiert und bevor wir uns daran gewöhnen können, wieder dekonstruiert. Ein Feel-Good-Stück, humorvolle Eindrücke, schnelle Wechsel und dazu ergreifend, ohne ganz greifen zu können. Keine konkreten Fragen und keine konkreten Antworten. Oder alle. Denn:

Wie malt man den Himmel aus?

Fast nach Zufallsprinzip wird entschieden, wie sich die Szene entwickelt und was als Nächstes passiert. Dabei wirken die einzelnen Szenen fragmentiert, die Übergänge sind aber so geschickt gesetzt, dass die Fragmente wie eine zusammenhängende Geschichte ineinandergreifen.

Rauch, Nebel

bis das Tuch fällt, sich der Vorhang lüftet

dahinter

ein anderer Vorhang

hinter den Spiegel schauend

und nichts zu verstecken haben

Tanz wird zu Sprache, Sprache wird zu Gesang. Die Kleidung wird ständig gewechselt, neue Personen erscheinen. Posen werden geändert, Blicke getauscht. Lustig wird zu absurd zu grotesk zu ästhetisch und wieder zu lustig. Ich merke beim Notizen schreiben, dass die Lichtverhältnisse während des gesamten Stücks hinweg fast gleichbleiben. Das Geschehen auf der Bühne braucht keine zusätzliche Unterstützung.

Aufgerissene Münder

Grimassen auf den Beat

spielerisch

Rituale, Opfer

von was?

„Bevor wir in Erscheinung treten können, müssen wir erst verschwinden lernen.“


Le Margherite von Erika Zueneli / Tant’ Amati wurde am 26. und 27. Mai 2026 im Rahmen der Potsdamer Tanztage aufgeführt. Die Potsdamer Tanztage präsentieren bis zum 7. Juni 2026 ein umfangreiches Bühnenprogramm.