Zwanzig Minuten, unter der Regie von Judith Kuckart und Skoronel Reloaded, feierte am 2. bis 5. Juli und ein weiteres Mal am 8. und 9. Juli 2026 im Theater Thikwa Premiere. Die Mitwirkenden – Hannah Grzimek, Frank Herfeld, Torsten Holzapfel, Elise Neumann, André Nittel, Tim Petersen, Sabina Stücker, Estrella Urban und Hilarius Urban – sind ein gemischtes Ensemble von Performenden mit und ohne körperliche oder geistige Behinderung.
Nach der Vorstellung eile ich aus dem feuchtwarmen Theatersaal und renne fast Torsten Holzapfel um. Ein kleiner peinlicher Augenblick vergeht zwischen mir und dem Performer. Dann sagt er laut: „Alles Gute für Sie!“ Welch ehrliche Interaktion. Mein Herz geht auf. Und genau so fühlt sich Zwanzig Minuten an.
Während der Show erfahre ich mehr über die neun Künstler*innen auf der Bühne: Wer sie sind, was sie besonders mögen, was sie gerne tun. Zwanzig Minuten, so heißt es im Programmheft, ist der Versuch, „etwas Kleines zu etwas Großem“ zu machen. Auf der Bühne erleben wir die individuelle Persönlichkeit der Performenden, ihre Manierismen, ihre gelebte Erfahrung, also Dinge und Eigenschaften, die bedeutungslos erscheinen oder von der Gesellschaft, insbesondere mit Blick auf Menschen mit Behinderungen negativ wahrgenommen werden. Hier jedoch, auf der Bühne als sicherem Raum, ist gegenseitige Empathie für alle spürbar.
In einer Szene wird ein Gartenflohmarkt dargestellt. Sie zeigt, wie leicht Holzapfels Freundlichkeit und Güte ausgenutzt werden. Er nennt einen Preis für ein Bett und einen Fernseher; die Käufer bieten immer wieder zehn Euro weniger, als er verlangt. Er akzeptiert. Freudig. Jedes Mal. Ja, mehr noch: Er bietet ihnen Freigetränke an, verschenkt seinen Schallplattenspieler und eine Platte dazu. Später entdecke ich eine seiner Zeichnungen in den Programmnotizen, versehen mit der Bildunterschrift: „Ich muss lernen, böse zu sein.“

© Torsten Holzapfel
Ich lese das und denke betrübt, dass hier jemandem gesagt wird, sein Wesen sei ein Problem, das es zu korrigieren gilt. Wie traurig! Ich bin Autistin und als solche in meiner Kommunikation sehr offen und direkt. Andere empfinden das häufig als unverblümt und taktlos. Immer wieder übe ich mich in „social skills“, um im gesellschaftlichen Kontext anders zu agieren. Fakt ist: Ich kann mein Sein letztlich nicht ändern. Manchmal wünschte ich, diese Wesensmerkmale oder Eigenschaften würden als sympathischer Zug und nicht als Defizit verstanden.
Auf der Bühne sitzt das Ensemble und zeichnet. Holzapfel spricht einen langen Monolog. Er berichtet, wie gern er Bahnhöfe malt und wie exakt er sich bemüht, jedes Detail zu erfassen. Die anderen legen ihren Kopf auf den Tisch und verbergen das Gesicht in den Armen. Eine Glocke klingelt, und Holzapfel beendet abrupt seine Tirade. Die anderen blicken auf und lachen ihn an. Er sieht sich um. Perplex.
Auch Tim Petersen teilt mit uns seine Freude am Malen der immer gleichen Szene. Eines seiner Bilder dürfen wir kurz anschauen. „Es sind drei Frauen im Schnee“, erklärt er uns. Später, nach der Vorstellung, entdecke ich die Zeichnung im Programmheft, begleitet von einer Bildunterschrift, die das Motiv der Zeichnung wieder in ihren Kontext rückt: „Der Winter in Deutschland ist kalt, aber die Menschen sind noch viel kälter.“

© Tim Petersen
Ich lebe seit knapp zehn Jahren in Berlin, und ich leide am „deutschen Trauma“. So nenne ich meine Krankheit. Nicht, weil die kalte, deutsche Kultur meine Erschöpfung, meine Müdigkeit ausgelöst hätte, sondern weil ich diese dank ihr noch stärker spüre. Mir fällt der Mann ein, dem ich neulich dankte, weil er seine drei Hunde zur Seite zog, damit ich vorbeigehen konnte. Er hörte mich nicht. Ich spreche leise. Auch das eine Folge meines Autismus. Doch er blaffte mich an: „Sie könnten ja wenigstens Danke sagen!“ In diesem Moment, nach einem besonders ermüdenden Tag, spürte ich, wie mich Neuronormativität auslaugt, und wie diese deutsche Direktheit das noch verstärkt. Vielleicht berührte mich deshalb die Beobachtung der Performenden auf der Bühne so stark: Ich sah sie, und sie waren schlicht, wer sie sind, ohne das Bedürfnis, jemand anderes sein zu wollen.
Übersetzung aus dem Englischen von Lilian Astrid Geese
Zwanzig Minuten, unter der Regie von Judith Kuckart und Skoronel Reloaded, feierte vom 2. – 5. Juli und am 8./9. Juli 2026 Premier im Theater Thikwa.